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Neue Rollen im Systems Engineering: Wie Unternehmen die wachsende Komplexität in der Produktentwicklung meistern

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Die Entwicklung hochkomplexer technischer Systeme stellt Unternehmen zunehmend vor strategische Herausforderungen. Insbesondere in der Automobilindustrie führen steigende, schnell wechselndeKundenanforderungen, technologische Innovationen und die fortschreitende Vernetzung zu einer neuen Dimension der Komplexität. Fahrzeuge sind heute nicht mehr nur mechanische Konstruktionen, sondern Bestandteile eines umfassenden Mobilitäts-Ökosystems. Sie interagieren mit externen Infrastrukturen, digitalen Services und IoT-Plattformen. Diese Entwicklung erfordert ein fundamentales Umdenken in der Produktentwicklung.

Ein zentrales Problem in diesem Kontext ist die Steuerung sogenannter emergenter Phänomene – Systemeigenschaften, die nicht durch einzelne Komponenten bestimmt werden, sondern erst aus deren Zusammenspiel entstehen. Dazu gehören beispielsweise Fahrzeuggewicht, Fahrdynamik oder Aerodynamik. Diese Querschnittseigenschaften lassen sich nicht durch konventionelle Entwicklungsprozesse effizient managen, da sie über Fachbereichsgrenzen hinausgehen und zahlreiche technische sowie wirtschaftliche Wechselwirkungen aufweisen.

Die Frage lautet: Wie können Unternehmen sicherstellen, dass ihre Entwicklungsprozesse diese Herausforderungen beherrschen, statt von ihnen getrieben zu werden?

Ein führender deutscher Automobilhersteller hat erkannt, dass herkömmliche Entwicklungsprozesse den steigenden Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Die Lösung: eine Neudefinition von Rollen und Verantwortlichkeiten, um Properties (nicht-funktionale Eigenschaften wie Gewicht oder Aerodynamik) und Features (kundenrelevante Funktionalitäten wie Fahrassistenzsysteme) gezielt zu steuern.

Durch diese spezialisierten Rollen wird sichergestellt, dass übergreifende Eigenschaften und Funktionen von der Konzeptphase bis zur Serienproduktion konsistent gemanagt werden. Dies verhindert Zielkonflikte, verbessert die Kommunikation zwischen Abteilungen und sorgt für eine transparente Steuerung des Entwicklungsprozesses.

Die neue Rollenstruktur im Überblick

Das neue Rollenmodell umfasst sowohl Property- als auch Feature-Rollen:

Property-Rollen: Steuerung übergreifender Systemeigenschaften

  • Property Manager (PM) – trägt die Gesamtverantwortung für die strategische Steuerung und Zielvorgaben einer Property, koordiniert die Entwicklung über verschiedene Fachbereiche hinweg und stellt sicher, dass wirtschaftliche und technische Anforderungen optimal ausbalanciert werden.
  • Property Responsible (PR) – Operative Verantwortung für die Umsetzung und Steuerung der Property innerhalb eines spezifischen Systems.
  • Property Implementer (PI) – Umsetzung der Property auf Komponentenebene mit Fokus auf technische Realisierung.

Feature-Rollen: Sicherstellung der Kundenerwartungen

  • Feature Responsible (FR) – Verantwortlich für die Entwicklung und Integration eines Features über alle Systemebenen hinweg.
  • Customer Function Responsible (CFR) – Steuerung der Kundensicht, Definition von Anforderungen aus Nutzerperspektive.
  • Technical Function Responsible (TFR) – Übersetzung funktionaler Anforderungen in technische Lösungen, Koordination mit den Systemarchitekten.

Diese klare Rollenverteilung sorgt für eine durchgängige Steuerung, vermeidet Silos und verbessert die interdisziplinäre Zusammenarbeit erheblich.

Die Einführung dieser Rollen verändert die bisherige Herangehensweise im Entwicklungsprozess grundlegend. Während traditionelle Modelle oft an Abteilungsgrenzen scheitern, sorgen die neuen Rollen für eine End-to-End-Verantwortung entlang des gesamten Produktlebenszyklus.

Ein konkretes Beispiel ist die Property „Gesamtgewicht“ eines Fahrzeugs. Während in klassischen Prozessen jede Fachabteilung eigenständig Gewichtsreduzierungen anstrebt, gibt es durch die neuen Rollen eine übergeordnete Instanz. Der Property Manager definiert strategische Gewichtsvorgaben, die dann über die Property Responsible und Property Implementer in die einzelnen Systeme und Komponenten übertragen werden. Zielkonflikte – beispielsweise zwischen Leichtbau, Sicherheit und Kosten – können so frühzeitig erkannt und auf einer strategischen Ebene gelöst werden.

Für Unternehmen bedeutet dies: Gesteigerte Effizienz, verbesserte Transparenz und geringeres Risiko in der Produktentwicklung.

Um sicherzustellen, dass Properties und Features entlang des gesamten Entwicklungszyklus optimiert werden, sind sie fest in das bestehende V-Modell integriert. Bereits im Anforderungsmanagement erfolgt die frühzeitige Identifikation und Systematisierung von Properties und Features. Im Architekturmanagement werden die Anforderungen strukturiert in verschiedene Systemebenen überführt. Schließlich sorgt die Entwicklung und Validierung für eine systematische Verifikation zur Sicherstellung der definierten Qualitätsziele.

Strategische Wettbewerbsvorteile für Unternehmen

Die Implementierung eines solchen Systems-Engineering-Ansatzes bietet Unternehmen zahlreiche Vorteile:

  1. Bessere Steuerung emergenter Phänomene: Durch klare Verantwortlichkeiten werden übergreifende Produktmerkmale effizient gemanagt.

  2. Höhere Transparenz und Nachverfolgbarkeit: Die stringente Verfolgung von Features und Properties verbessert die Steuerbarkeit der Entwicklung.

  3. Optimierte interdisziplinäre Zusammenarbeit: Klare Rollen und Verantwortlichkeiten reduzieren Reibungsverluste zwischen Fachbereichen.

  4. Reduzierung von Entwicklungsrisiken: Durch frühzeitige Identifikation und Steuerung von Zielkonflikten lassen sich Fehlentwicklungen vermeiden.

  5. Nachhaltige Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit: Unternehmen mit einer konsequenten Systems-Engineering-Strategie setzen sich in einem zunehmend komplexen Marktumfeld durch.

Die steigende Komplexität technischer Systeme macht es unerlässlich, traditionelle Entwicklungsansätze zu hinterfragen und zu transformieren. Die Einführung spezialisierter Rollen für Features und Properties ist ein entscheidender Schritt, um unternehmerische Agilität mit technischer Exzellenz zu verbinden.

Unternehmen, die sich frühzeitig anpassen und neue Rollenmodelle im Systems Engineering implementieren, können nicht nur die Herausforderungen der digitalen Transformation bewältigen, sondern sich auch als Innovationsführer positionieren.

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